History

Nach der Aufsegelung durch deutsche Missionare um das Jahr 1180 wurde der an der Ostsee gelegene baltische Landstrich im Nordosten Europas zur gemeinsamen Heimat für Esten, Letten und Deutsche. Die Deutschbalten hatten mit den Esten und Letten mancherlei Berührung, etwa ab dem 19. Jahrhundert auch an den dortigen Universitäten in Dorpat/Tartu (Estland) und Riga (Lettland). Es entwickelte sich nämlich eine gemeinsame studentische Kultur, deren Träger von den Studenten gebildete Landsmannschaften und Corps waren, deren Zusammenleben von gegenseitiger Achtung geprägt war.

Im Jahre 1808 tritt in Dorpat/Tartu an der sechs Jahre zuvor wiedergegründeten Landesuniversität die Curonia in Erscheinung, die zuvor an mehreren deutschen Universitäten Convente unterhalten hatte. Gegen die sehr ideal gedachte "Allgemeine Burschenschaft", die einen Zusammenschluß aller Studenten anstrebte und seit 1803 in Dorpat/Tartu das Feld behauptete, setzten sich in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts endgültig die - zunächst noch landsmannschaftlich bestimmten - Corps durch. 1821 wird die Estonia, 1822 die Livonia und 1823 die Fraternitas Rigensis gegründet.

Es folgen zeitlich die Gründungen der Corps an der 1862 in Riga eröffneten TH, des sog. Baltischen Polytechnikums. 1865 entsteht die Fraternitas Baltica, 1869 die Concordia Rigensis und 1875 die Rubonia. Eine nur kurze Existenz hat die 1902 gegründete Fraternitas Marcomannia. Hier in Riga bestimmt nicht mehr die lansmannschaftliche Provenienz den Charakter der neugegründeten Corps ebenso wie bei den weiteren Gründungen in Dorpat/Tartu, wo 1872 die zunächst als Fachverbindung gegründete Fraternitas Pharmaceutica entsteht, die dann seit 1927 in Riga als Gotonia und in Dorpat/Tartu seit 1932 als Baltonia weiterlebt. 1879 wird in Dorpat/Tartu die Neobaltia und 1881 die Fraternitas Academia gegründet. Als baltisches Corps besteht ferner seit 1847 in St.Petersburg die Nevania, die sich vorwiegend aus Deutschbalten rekrutiert, 1909 entsteht die Fraternitas Hyperborea, die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in Dorpat als Fraternitas Normannia weiterbesteht.

Seit 1832 waren die Dorpater Corps im Dorpater Chargierten-Convent zusammengeschlossen und später die Rigaer Corps im Rigaer Chargierten-Convent. Während in Dorpat dem Chargierten-Convent nur die deutschen Corps angehörten - bis auf die zeitweise Zugehörigkeit der ältesten lettischen Korporation, der Lettonia, der polnischen Polonia und der russischen Ruthenia -, gehörten dem Rigaer Ch!-C! auch die verschiedenen polnischen, lettischen, estnischen, jüdischen und russischen Korporationen an, die ganz nach dem deutschen Vorbild im Laufe der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entstanden und sich den Gesetzen des Burschenstaates unterwarfen.

Ein Ende fand dies erst im Jahre 1939, als infolge des Hitler-Stalin-Paktes, Estland und Lettland der Sowjetunion einverleibt, viele Esten und Letten ins Exil getrieben und die Deutschbalten nach Deutschland umgesiedelt wurden. Während in Estland und Lettland die Pflege studentischer Kultur fortan nicht mehr möglich war, belebten einige der umgesiedelten Deutschbalten die Tradition der Landsmannschaften und Corps in der neuen Heimat wieder.

Hieraus entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine allen Studierenden offenstehende, aktive akademische Gemeinschaft, zu der heute unter anderem der Baltische Philisterverband, die Concordia Rigensis zu Hamburg, die Curonia Goettingensis, die Fraternitas Dorpatensis zu München und der Verein zur Förderung der deutsch-baltischen Völkerfreundschaft (VFV) zählen.

Mit der Wiedergeburt Estlands und Lettlands im Jahre 1991 wurde in diesen Ländern auch die alte studentische Kultur zu neuem Leben erweckt. Heute existiert wieder eine Vielzahl aktiver studentischer Organisationen mit Tausenden von Mitgliedern, die nicht nur das akademische Leben, sondern auch Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mitgestalten.